Die Welt ist … wie Du bist!

WAHRNEHMUNG Teil 1/3

In diesem Artikel geht es um das Thema Wahrnehmung, wie wir durch unsere Wahrnehmung unsere Welt erschaffen – und was das mit Coaching und persönlicher Entwicklung zu tun hat.


Wahrnehmung ist ein gängiger Begriff in den verschiedensten Disziplinen wie Biologie, Psychologie, Medizin…
Seine Bedeutung ist vielschichtig. Zunächst einmal betrifft Wahrnehmung unsere physischen Sinne: Wir unterscheiden visuelle (sehen), auditive (hören), kinästhetische (fühlen), olfaktorische (riechen) und gustatorische (schmecken) Sinneswahrnehmungen. Unsere Sinne ermöglichen es uns, mit unserer (Um-) Welt in Kontakt zu kommen. Was wir an Reizen über unsere Sinne aufnehmen, wird im Gehirn in komplexen Vorgängen ausgewertet und dem verarbeitet, was wir „für wahr nehmen“. Unser Gehirn verarbeitet unsere Sinneseindrücke, das Ergebnis dieser Verarbeitung ist unsere „Wahr-Nehmung“.

Etwas zu nehmenanzunehmen – ist ein aktiver Prozess. Wenn auch die genauen Vorgänge im Gehirn unbewusst sind, ist unsere Wahrnehmung letzten Endes auch ein aktiver Prozess: Wir erschaffen das Abbild unserer Umwelt – unsere wahr-Nehmung – in unserem Gehirn selbst. Und zwar andauernd – wenn auch größtenteils unbewusst.


Jeden Tag, in jeder Sekunde prasseln unzählige Reize auf unsere Sinne und damit auf unser Nervensystem ein – in Tausenden und Abertausenden von Bits.

Wie gut, dass nicht jede Sinneswahrnehmung gleich präsent und gleich wichtig ist – denn das wäre eine heillose Überforderung für unser gesamtes System und würde uns vermutlich handlungsunfähig machen. Glücklicherweise erledigt unser Gehirn neben der Verarbeitung der Sinnesreize zahlreiche Filterfunktionen, die uns Struktur und Ordnung im Wahrnehmen und Denken ermöglichen:

  • Da ist zum einen unser Erfahrungsschatz: Auf Basis aller biografischen Lernerfahrungen hat unser Gehirn gelernt, dass bestimmte Sinnesreize in bestimmten Erscheinungsformen und Kontexten wichtig sind; und andere wiederum vernachlässigbar.

    In der Regel nehmen wir Vertrautes sehr viel mehr und lieber bewusst wahr.  (Ausgenommen an dieser Stelle sind Reize, die unser Gehirn in irgendeiner Form potentiell mit Gefahr in Verbindung bringt – gemeint ist hier die Vielzahl an Reizen, die in unserem normalen Alltag einfach auf uns einwirken.)

    Dinge, Erlebnisse und Eindrücke, die gut in unser bisheriges Weltbild passen, sind uns meist bewusster, als potentiell neuartige Erfahrungen oder solche, die unser eigenes Weltbild mehr oder weniger in Frage stellen und damit ins Kippeln bringen könnten. Erfahrungen beispielsweise, die mit unseren Werten und Ansichten so gar nicht zu vereinbaren sind, werden dahingehend einfach übersehen oder schnell vergessen… war da was?
  • Auch nehmen wir Eindrücke und Gegebenheiten eher bewusst wahr, denen wir eine persönliche Relevanz zuordnen – beispielsweise aufgrund unserer aktuellen Lebenssituation. Das Klischee, dass werdende Eltern „nur noch“ schwangere Frauen wahrnehmen, liegt ja nicht etwa daran, dass zufällig zum gleichen Zeitpunkt alle Paare mit Familiengründung beschäftigt sind, sondern an der persönlichen Relevanz des Themas, was die Wahrnehmung dahingehend verstärkt.

  • Sehr spannend – auch im Hinblick auf Coaching – finde ich persönlich die Sprache als Wahrnehmungsfilter.
    „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“, sagte schon der österreichisch-britische Philosoph Ludwig Wittgenstein.

    Was durch unsere Sprache nicht beschreibbar ist, können wir nur schwerlich bewusst wahrnehmen.

    Wie sollte das auch gehen, wenn es keine Begrifflichkeiten dafür gibt, um sie auszudrücken oder bewusst zu denken?

    Für ein Kind, das gerade Sprechen lernt, ist das braune, vierbeinige Tier auf der Weide zunächst ein Pferd. Irgendwann lernt es durch den kommunikativen Austausch mit seinen Eltern, dass es auch Kühe gibt, die zwar ebenfalls braun, vierbeinig sind und auf der Weide stehen, sich aber anhand der Kopfform, der Beinlänge und durch Hörner und seinen Schwanz von einem Pferd unterscheidbar ist.

    Das Kind lernt mit jeder neuen Erfahrung (Sinneseindrücke) und der Korrektur durch die Eltern über die Sprache seine Wahrnehmungsfähigkeit stärker zu differenzieren: Je mehr Worte es für die verschiedensten Unterscheidungs- und Differenzierungsmöglichkeiten von Kühen und Pferden kennt – Pferd, Pony, Fohlen, Kuh, Stier, Kälbchen usw. – desto differenzierter und feiner wird auch seine bewusste Wahr-Nehmung werden.

    Ein weiteres Beispiel für diese Sprachgrenzen können wir im Vergleich zu anderen Sprachkulturen feststellen: Angeblich existieren in der schottischen Sprache über 400 verschiedene Worte für Schnee, wie Forscher der Universität Glasgow herausgefunden haben. Wie differenziert können wir in der deutschen Sprache Schnee beschreiben? Pulverschnee, Schneematsch, Schneeregen… und da hört es dann auch schon fast auf…

    Wir können also festhalten, dass je komplexer und tiefgreifender unser Wortschatz unsere Erfahrungen differenzieren kann, desto feiner und komplexer sind wir auch in der Lage wahr-zu-nehmen.

  • Nicht zuletzt spielt natürlich auch unsere (selektive) Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle als Filterfunktion der Wahrnehmung. Wer kennt es nicht, derart vertieft in eine Tätigkeit oder gebannt von einer Wahrnehmung zu sein (sei es ein Buch, Musik, ein Gespräch oder der Fernseher…), dass wir gar nicht mehr mitbekommen, was um uns herum passiert…
    Die Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung ist unfassbar hilfreich, denn sie ermöglicht uns Konzentration und Fokus und nicht zuletzt die Fähigkeit, Flowerlebnisse zu haben.

Diese vier Filterprozesse sind nur Beispiele für Grundprinzipien unserer Wahrnehmung. Das alles passiert eben auch nicht vorsätzlich, sondern ganz subtil, jeden Tag – bei jedem von uns – meist auf unbewusste Weise.

Spannend wird es, diese Filter bewusst zu beobachten und mit ihnen zu spielen! Dass Wahrnehmungsfilter vorhanden sind, ist nicht zu ändern und ja auch sehr wichtig, um – wie zu Anfang erwähnt – eine komplette Überlastung unseres Systems zu vermeiden.

Doch unsere Filter bergen auch das Risiko, dass wir den Teil der Welt übersehen, der eben außerhalb der Grenzen unserer Filter liegt!

Es lohnt sich, über diese Grenzen hinaus zu schauen, denn was auf der anderen Seite liegt, kann für uns ebenso interessant, hilfreich oder spannend sein!

Selektive Wahrnehmung bedeutet nämlich auch (nur) die selektive Wahrnehmung von Möglichkeiten, Chancen und Handlungsräumen. Vor allem, wenn wir einmal das Gefühl haben, in einer Situation oder einer Entscheidung fest zu stecken, kann es sehr erleichternd sein, einmal die Wahrnehmungsgrenzen bewusst zu verschieben, um zu staunen, was es sonst noch für Möglichkeiten gibt, die sich außerhalb unseres gewohnten Wahrnehmungsblickfeldes befinden!

Für Klienten im Coaching kann das ein sehr erleichterndes Moment sein, eben nicht zwischen Option A und B hin und her pendeln zu müssen, sondern plötzlich auch noch die Möglichkeiten C, D, E und F zu erkennen, die vorher einfach nur nicht im Blickfeld waren. Selbst ohne sofort eine Entscheidung zu treffen, ist es für die meisten zunächst enorm befreiend, den eigenen Handlungsspielraum und damit auch das Gefühl der eigenen Wirksamkeit als größer wahrzunehmen.

Die konstruktivistische Grundhaltung ist im Coaching dabei ein wichtiges Fundament: Erst einmal gehen wir davon aus, gar nichts über unser Gegenüber und die Welt, in der er oder sie sich bewegt, zu wissen. Denn es ist nicht unsere Welt. Möglicherweise gibt es ähnliche Rahmenbedingungen, doch wie diese subjektiv empfunden (wahr-genommen) werden, ist von Person zu Person enorm unterschiedlich.

Bei dieser konstruktivistischen Sicht gibt es keine „richtige“ und „falsche“ Sichtweise. Es gibt nur unterschiedliche Wahr-Nehmungen und damit unterschiedliche – um genau zu sein unendlich viele (!!)Versionen der Welt, in der wir uns bewegen. Und das wiederum bedeutet unendlich viele Möglichkeiten!

Und viele Möglichkeiten lassen uns viel Entscheidungsfreiheit –

WIR HABEN DIE WAHL!

Die Annahme beziehungsweise Akzeptanz, dass es in subjektiven Lebenswelten keine objektive Wahrheit geben muss, kann zunächst verunsichernd sein. Sie kann aber auch Türen öffnen zu einem „Immer-wieder-neu-Entdecken“, „Immer-wieder-Neugierigsein“ und immer weiter aufs neue demütig vor dem Leben und seinem unendlichen Potenzial stehen.

Das ist einer der Gründe, warum die Begleitung persönlicher Entwicklungen von Klienten im Coaching für mich immer wieder aufs Neue eine wahnsinnig spannende Reise ist!


Wenn Du mehr zum Thema Wahrnehmung und Konstruktivismus wissen möchtest oder Dich für ein persönliches Gespräch interessierst, dann tritt gerne über das Kontaktformular mit mir in Verbindung.

Ich freue mich auf Deine Nachricht!
Herzlichst,
Elina

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