State-dependent learning – Neuropsychologie für den Alltag

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Ein Gläschen Wein oder eine frische Tasse Kaffee zum Lernen gefällig? Warum das, abgesehen vom Genussfaktor, durchaus eine gute Idee ist, wenn Du Deinem Gehirn etwas auf die Sprünge helfen möchtest, erfährst Du in diesem Blogartikel.



„Soziale Drogen“, wie Alkohol, Nikotin und Koffein genannt werden (ja, der gute alte Kaffee oder der leckere Espresso zählen auch dazu) sind in unserer Gesellschaft und in unserem Alltag seit Langem angekommen. Zum Teil sind sie gar nicht mehr weg zu denken. Ihre Wirkung (und Nebenwirkungen) auf unseren Körper und die Psyche wird wohl jedem weitestgehend bekannt sein. – Das soll in diesem Artikel auch gar nicht weiter thematisiert werden.
Stattdessen möchte ich Dir heute ein bisschen neuropsychologisches Wissen für den Alltagsgebrauch mitgeben. Lebenslanges Lernen, immerwährende Kompetenz- und Wissenserweiterung sind für die meisten von uns fester Bestandteil des Privat- und Berufslebens. Sehr hilfreich kann es dafür sein, grundlegende Funktionsweisen des Gehirns zu verstehen, um effizienter und leichter lernen zu können.

Foto von Pixabay.


Gerade beim Alkohol mit seiner berauschenden Wirkung scheint es abwegig, wenn nicht sogar paradox, dass er uns in gewissen Situationen durchaus helfen kann, uns besser an etwas zu erinnern. Bereits 1969 wurden bezüglich des Einflusses von Alkohol auf das Erinnerungsvermögen Forschungen von dem Psychiater Donald Goodwin angestellt. So konnte er feststellen, dass Erinnerungen, die im berauschten Zustand angelegt wurden, ebenfalls unter Alkoholkonsum wieder besser ins Gedächtnis gerufen werden können (Goodwin et al., 1969).

Das sogenannte State-dependent learning, übersetzt zustandsabhängiges Lernen, beschreibt ein in der Psychologie bekanntes Phänomen: Informationen, die in einem bestimmten Zustand erlernt wurden, können in diesem Zustand auch am besten wieder abgerufen werden (Thompson, 1986). Ganz so wie Goodwins Experiment es im Falle von Alkoholkonsum nachgewiesen hatte.

Dieser Effekt beschränkt sich aber nicht nur auf zugeführte Drogen wie den Alkohol. Das Erinnern wird unwillkürlich durch verschiedene Faktoren des eigenen Zustandes, aber auch der Umwelt beeinflusst. Beispielsweise kann ein Ort, ein Geruch, ein Klang oder ein Geschmack Erinnerungen wachrufen, die zu denselben Begebenheiten schon vor langer Zeit entstanden sind. Lernt man beispielsweise etwas, während man ein Glas Wein trinkt, wird die neu erlernte Information im Gehirn mit dem niedrigem Alkoholspiegel verknüpft und abgelegt. Das Gehirn sieht quasi den leichten Rausch als neurologischen Zustand an, der Teil der neu gelernten Information sein muss. Ein späterer Abruf der erlernten Information fällt dann bei gleichem neurologischen Zustand, also ebenfalls mit einem Glas Wein, leichter. Analog kann man den Wein hierbei auch ganz einfach mit einer Tasse Kaffee austauschen (Rimmer, 2016) – was gesundheitlich natürlich auch wesentlich empfehlenswerter ist! 😉

Wer den Effekt des zustandsabhängigen Lernens für den eigenen Vorteil nutzen möchte, muss aber nicht zwangsläufig auf Drogen im weitesten Sinne zurückgreifen. Der Psychologe Gordon Bower hat zum Beispiel nachgewiesen, dass ebenfalls die bloß gleiche Ausgangsstimmung Personen helfen kann, sich besser an Begebenheiten zu erinnern (Bower, 1981).

Schließlich sind Stimmungen, Emotionen und Gefühle auch nichts anderes als chemische und elektrochemische Gehirnaktivitäten, also ebenso ganz spezifische, nur eben selbst erzeugte neurologische Zustände.


Die Verknüpfung von Informationen mit Emotionen kann aber auch manchmal zum Verhängnis werden. Vielleicht ist es Dir schon einmal passiert, dass Du während einer Prüfung ein Blackout bekommen hast – mit Gefühlen von Angst, Panik, Scham…
Auch bei solch einem „negativen“ Erlebnis verknüpft unser Gehirn die Situation mit den empfundenen Emotionen. In diesem Beispiel sind es dann sehr unangenehme Erinnerungen an die starken negativen Gefühle, welche mit jeder Art von Prüfungssituation im Gedächtnis abgelegt werden.

Das Resultat: Möglicherweise ein Trauma in Form von bleibender Prüfungsangst. Doch wie Du bereits in einem meiner vorangegangenen Blogartikel lesen konntest (wenn nicht, dann ist hier der Link), ist dies kein für immer manifestierter Zustand, der sich nicht mehr rückgängig machen ließe. Die Neuroplastizität unseres Gehirns ermöglicht es uns glücklicherweise, diese negativen Erinnerungen wieder aufzubrechen und mit neuen, positiven Erinnerungen zu überschreiben. Das kann – je nachdem mit welcher Technik und mit welcher Art von Unterstützung – ein wenig Zeit und „Überzeugungsgeschick“ dem eigenen Gehirn gegenüber benötigen. (Schließlich handelt es sich gerade bei Angst um einen evolutionär äußerst wichtigen Zustand, mit dem uns das System eigentlich nur schützen möchte.) In jedem Fall aber ist es möglich, die Verknüpfungen im Gehirn neu zu organisieren und dann auch bald wieder voller Zuversicht und Gelassenheit in die nächste Prüfungssituation zu gehen, wenn das Gehirn gelernt hat „eigentlich ist das hier gar nicht so gefährlich„.


Fassen wir also einmal zusammen, welche hilfreichen Erkenntnisse für Dich und Deinen Alltag wir aus der Neuropsychologie des state-dependent learnings mitnehmen können:

Unser Gehirn lässt uns den Zustand, indem wir etwas lernen, mit den neu erlernten Informationen verknüpfen. Der neurologische Zustand (Emotionen, Koffein im Gehirn) kann es ebenso sein, wie konkrete Sinneswahrnehmungen (z.B. Geruch von Kaffee, eine bestimmte Musik).

Die Tatsache, dass wir zustandsabhängig lernen, verbessert nicht unser Gedächtnis per se, aber das Wissen darüber kann helfen, neue Lerninformation leichter abzurufen, indem wir ganz gezielt Sinneswahrnehmungen oder Zustände beim Lernen herbeiführen, zu denen wir beim Abruf der Information zurückkehren können.

Nutze Deinen Zustand beim Lernen gezielt!

Diesen Effekt kannst Du Dir im Rahmen Deines persönlichen Zustandsmanagements zu Nutzen machen.
Wähle Deine Lernumgebung bewusst!

  • Höre zum Lernen ein Lieblingslied und höre es kurz vor der Prüfung noch einmal an.
  • Trinke beim Lernen eine Tasse Kaffee oder einen besonderen Tee und nimm Dir das gleiche Getränk in die Prüfung mit.
  • Trage beim Lernen und in der Prüfung das gleiche Parfum.
  • Ziehe bereits beim Lernen die Kleidung an, die du auch in der Prüfung tragen möchtest.

An dieser Stelle möchte ich noch anmerken, dass jeder Mensch in der Regel bestimmte Wahrnehmungskanäle bevorzugt – meistens ein oder zwei. Ich beispielsweise habe herausgefunden, dass ich meistens visuell und kinästhetisch bevorzuge (sehen und fühlen), allerdings funktionieren gerade bei Erinnerungen Gerüche wiederum extrem gut! (Ich nutze sehr oft und gerne ätherische Öle um mich gezielt in einen guten, entspannten oder wachen Zustand zu bringen).

Welche Methode für Dich am besten funktioniert, solltest du individuell austesten. Es lohnt sich, ein bisschen Zeit und Experimentierfreude zu investieren, um Dich und die Funktionsweise Deines Gehirns besser kennen zu lernen! Das ganze kann auch richtig Spaß machen! 😉




Möchtest Du herausfinden, welche Wahrnehmungskanäle Du bevorzugst und mehr darüber erfahren, wie Du dieses Wissen auch zum bewussten Emotions- und Zustandsmanagement nutzen kannst, melde Dich gerne bei mir.
Gerne unterstütze ich Dich bei Fragen zu dem Thema des state-dependent learnings und bei der Erreichung Deiner persönlichen Ziele im individuellen Coaching. Über das Kontaktformular kannst Du mir schreiben.

Herzlichst
Elina


Quellen

Bower, G. H. (1981). Mood and memory. American psychologist, 36(2), 129.

Goodwin, D. W., Powell, B., Bremer, D., Hoine, H., & Stern, J. (1969). Alcohol and recall: State-dependent effects in man. Science, 163(3873), 1358-1360.

Rimmer, H. (2016) Social Drugs- Verbessert Alkohol das Gedächtnis?. DAZ.online, Stuttgard 16.03.2016; zuletzt abgerufen unter: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/03/15/verbessert-alkohol-das-gedachtnis, 12.39 Uhr.

Thompson, R. F. (1986). The neurobiology of learning and memory. Science, 233(4767), 941-947.

Fotos von: www.pixabay.com

2 Kommentare

Das freut mich sehr zu lesen!
Das ist auch das Ziel – kompaktes und so wichtiges Wissen für viel mehr Menschen zugänglich machen!
Liebe Grüße!

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