Spiegelneurone – Du bist Dein Umfeld

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Gute Laune ist ansteckend.
Schlechte Laune aber auch.

Ein bekanntes Sprichwort. Doch steckt hinter diesem Satz doch mehr als nur eine Floskel? Die Neuropsychologie hat auf diese Frage eine interessante Antwort gefunden: Spiegelneurone.

In den neunziger Jahren beschäftigte sich eine Forschungsgruppe um Giacomo Rizzalatti mit der Frage, wie das Gehirn es schafft Handlungen zu planen und zielgerichtet zu steuern. Im Rahmen ihrer Experimente untersuchten sie mittels Elektroden die Gehirnaktivitäten von Makaken-Affen, während diese nach Futter griffen. Während dieser Versuche konnte die Forschungsgruppe genau erkennen, welche Gehirnareale bei welcher Bewegung gebraucht bzw. aktiviert werden. Bei einem dieser Experimente kam es durch Zufall dazu, dass ein Affe, der noch an die Elektroden angeschlossen war, einem anderen Artgenossen bei diesem Experiment zusah. Hierbei machten die Wissenschaftler eine erstaunliche Beobachtung:

Bei beiden Affen, sowohl bei dem Tier, welches die Aktivität in diesem Moment ausführte, als auch bei dem, das lediglich dabei zusah, fand dieselbe Gehirnaktivität statt (Rizalatti et al., 1996).

Später gelangte diese Entdeckung mit dem Begriff der „mirror neurons“ (übersetzt Spiegelneurone) an die Öffentlichkeit und sorgte für zahlreiche Schlagzeilen. Einige Jahre darauf gelang auch der Nachweis von solchen Spiegelneuronen im menschlichen Gehirn (Lauer, 2007).



Doch was sind diese Spiegelneurone genau?

Spiegelneurone werden in der Literatur auch häufig als Simulations- und Empathieneuronen bezeichnet. Sie beschreiben Neuronen, also Gehirnzellen, die im Gehirn während der Beobachtung eines Vorganges dieselben Reize bzw. Aktivitäten auslösen, wie sie entstünden, wenn der Vorgang tatsächlich aktiv ausgeführt werden würde. Hierbei bilden sie im Gehirn des Zuschauenden oder passiv beteiligten Menschen nicht nur einzelne Handlungen nach, sondern können auch Empfindungen und Emotionen nachbilden (online Lexikon für Psychologie und Pädagogik).


Welchen Zweck haben Spiegelneuronen in unserem Gehirn?

Indem Menschen Körperbewegungen anderer automatisch auf neurologischer Ebene spiegeln, kann es gelingen Bewegungen anderer nachzuvollziehen und möglicherweise auch besser nachzuahmen. Beispielsweise löst das Beobachten von komplexen Bewegungsabläufen wie beim Tanzen ähnliche Aktivitätsmuster aus wie bei dem Tänzer selbst. In manchen Fällen kann dies sogar einen Trainingseffekt im Gehirn des Beobachters auslösen (Stichwort Mentaltraining).

Lernen durch passives Zusehen ist ein wissenschaftlich erwiesener Effekt.

Spiegelneurone reagieren dabei aber nur, wenn das Beobachtete bereits einmal ins Verhaltensrepertoire aufgenommen wurde. Sie sind abhängig von einem bereits vorhandenen Erfahrungsschatz. – Ganz so einfach ist es also leider doch nicht mit dem Lernen „nur“ durch Zusehen (Deutsches Ärzteblatt, 2009). 😉


Spiegelneurone in der Kindesentwicklung

Die Funktionen der Spiegelneuronen werden am Beispiel der Kindesentwicklung sehr anschaulich. Wir Menschen werden mit Spiegelneuronen geboren. Bis zum dritten oder vierten Lebensjahr sind diese allerdings noch nicht vollständig entwickelt. Dem Säugling ermöglichen sie es bereits wenige Tage nach der Geburt mit den Eltern erste Spiegelungen vorzunehmen. Kinder müssen erst lernen die Gefühle anderer zu erspüren. Die Aktivität von Spiegelneuronen wird bei Kleinkindern erkennbar, wenn diese beispielsweise anfangen die eigene Mutter zu trösten, wenn diese weint. Es hat erkannt und gespiegelt, dass die Mutter traurig ist.

Heutzutage wird über die rein motorischen Bewegungsabläufe hinaus zusätzlich diskutiert, dass etwas Vergleichbares ebenfalls beim Beobachten von Emotionen passieren könnte. Spiegelneuronen sind demnach möglicherweise die Grundlage für Empathie, Mitgefühl und soziale Interaktionen – so die Hypothese (Freedberg et al., 2007).
Dieses Feld befindet sich noch stark im Fokus der aktuellen Forschung.


Gute Laune ist ansteckend

Spiegelneurone funktionieren unbewusst – sie wirken ohne, dass wir darüber bewusst nachdenken oder diese aktiv steuern müssten. Bewegungen und Körpersprache von anderen werden automatisch von unserem Gehirn gespiegelt, was einem Perspektivwechsel zugute kommen kann. Wir erleben quasi das, was andere erleben oder fühlen in einer Art inneren Simulation. Dies führt oft zu einer emotionalen Ansteckung oder einer spontanen Imitation des Gegenübers, egal ob es sich hierbei um Wut, Trauer oder Freude handelt (Deutsches Ärzteblatt, 2009). In diesem Kontext bekommt das Sprichwort „gute Laune ist ansteckend“ doch gleich eine völlig neue Bedeutung…

Wir sollten folglich einmal darüber nachdenken, wen wir spiegeln wollen. Dies beinhaltet das bewusste Wählen Deines Umfeldes.

Möchtest Du lieber umgeben sein von fröhlichen, zufriedenen Menschen oder zeihst Du vor, traurige, unzufriedene Menschen zu spiegeln? Es liegt in Deiner Hand Dich mit Menschen zu umgeben, von denen Du lernen kannst, die Dir als Vorbild dienen und die bereits Ziele erreicht haben, die Du noch erreichen möchtest. Du kannst und solltest Dein Umfeld bewusst und mit Bedacht wählen – und Dir zumindest darüber im Klaren sein, dass die Menschen, mit denen Du Dich umgibst, einen unbewussten Einfluss auf Dich haben.

Denn tatsächlich bist Du – sind Wir – zu einem bedeutenden Teil ein Resultat aus unserem Umfeld – den Spiegelneuronen sei Dank.



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Herzlichst
Elina


Quellen

Deutsches Ärzteblatt. „Klinikalltag: Über die Kraft der Spiegelneuronen.“ Heft 49, Jg. 106 Seiten A2483- 2484; abrufbar unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/67024/Klinikalltag-Ueber-die-Kraft-der-Spiegelneuronen

Freedberg, David, and Vittorio Gallese. „Motion, emotion and empathy in esthetic experience.“ Trends in cognitive sciences 11.5 (2007): 197-203.

Lauer, Gerhard. „Spiegelneuronen.“ Im Rücken der Kulturen (2007). Abrufbar unter: https://goedoc.uni-goettingen.de/handle/1/3123

online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. „Spiegelneuronen“; zuletzt abgerufen am 23.03.20, 11.45 Uhr, unter: https://lexikon.stangl.eu/932/spiegelneuronen/

Planet Wissen. „Forschung: Spiegelneuronen“; zuletzt abgerufen am 23.03.20, 12.30 Uhr, unter https://www.planet-wissen.de/natur/forschung/spiegelneuronen/index.html

Rizzolatti, G., Fadiga, L., Gallese, V., & Fogassi, L. (1996). Premotor cortex and the recognition of motor actions. Cognitive brain research, 3(2), 131-141.

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